Kommunikation ist das Instrument, das Wirklichkeit formt

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In Führungsetagen wird Kommunikation oft behandelt wie eine Servicefunktion – zuständig für Pressemitteilungen, Social Media, vielleicht ein bisschen Krisenbewältigung. Diese Haltung ist nicht nur falsch. Sie ist gefährlich.

Wenn Kommunikation die Realität überholt: Der Fall OpenAI

Am 17. November 2023 erfuhr Sam Altman fünf bis zehn Minuten vor seiner Entlassung als CEO von OpenAI davon – während er das Formel-1-Rennen in Las Vegas schaute. Der Verwaltungsrat erklärte, Altman sei „nicht durchgehend offen in seiner Kommunikation” gewesen. Wikipedia Microsoft, der wichtigste Partner mit einer 13-Milliarden-Dollar-Investition, wurde praktisch zeitgleich mit der Öffentlichkeit informiert.

Was folgte, war ein Lehrstück darüber, wie Kommunikation Realität konstruiert – und wie schnell diese Konstruktion ausser Kontrolle gerät.

Innerhalb von 48 Stunden hatte sich die kommunikative Wirklichkeit vollständig verschoben: Nahezu alle 800 Mitarbeitenden unterzeichneten einen Brief, der Altmans Rückkehr forderte und dem Verwaltungsrat Inkompetenz vorwarf. BSchools Investoren, Tech-Grössen und sogar Ilya Sutskever, der die Entlassung mit initiiert hatte, distanzierten sich öffentlich. Vier Tage später war Altman zurück – und der Verwaltungsrat weitgehend ausgetauscht.

Die faktische Entscheidung des Boards – die Entlassung – wurde von der kommunikativen Realität regelrecht überrollt. OpenAIs vage Erklärung fügte dem Mysterium nur weitere Spekulation hinzu, statt Klarheit zu schaffen. Ragan Das Vakuum, das die fehlende Kommunikation hinterliess, füllten andere: mit Narrativen, die dem Board schadeten.

Niklas Luhmann hat diese Dynamik präzise beschrieben: Realität entsteht nicht einfach – sie wird durch Kommunikation konstituiert. Ein Ereignis, das niemand weitererzählt, ist systemisch nicht existent. Erst wenn es anschlussfähig wird – in Medien, Gesprächen, Symbolen – wird es Teil dessen, was wir für Wirklichkeit halten. OpenAI verlor nicht primär einen CEO. OpenAI verlor die Kontrolle über die kommunikative Definition dessen, was gerade geschah.

Eine neue Architektur: Kommunikation als Entwurf von Zukünften

Der Designtheoretiker Friedrich von Borries beschreibt Gestaltung als entwerfende Macht. Wer gestaltet, entwirft nicht nur Gegenwart, sondern auch mögliche Zukünfte. Diese Einsicht lässt sich direkt auf Führungskommunikation übertragen.

Denken Sie an die Ampel. Grün bedeutet weltweit dasselbe: Gehen, Bestätigung, Sicherheit. Niemand hat dieses Signal individuell beschlossen – und doch funktioniert es zuverlässig, kollektiv, überall. Grün ist Kommunikation in Reinform: ein Symbol, das Verhalten koordiniert, Orientierung gibt und Realität strukturiert. Wer vor einer grünen Ampel steht, tritt los – nicht, weil die Strasse objektiv sicher ist, sondern weil ein Zeichen im Informationsraum sagt: Es ist in Ordnung.

Ihre Kommunikation funktioniert genauso. Jede Präsentation, jedes interne Memo, jede Pressemitteilung entwirft ein Bild davon, welche Zukünfte denkbar sind, welche ausgeschlossen werden und welche Normen gelten.

Die Frage ist nicht, ob Sie Wirklichkeit gestalten. Die Frage ist, ob Sie es bewusst tun.

Drei Denkwerkzeuge für Führungskräfte:

  1. Der Vakuum-Test: Wenn ich jetzt schweige – wer füllt das Vakuum? Mit welcher Geschichte? Der OpenAI-Fall zeigt: Kommunikationsvakuen werden immer gefüllt. Die einzige Frage ist, von wem.
  2. Der Anschlussfähigkeits-Check: Kann meine Kommunikation weitererzählt werden? In welcher Form? Luhmann nennt das Anschlussfähigkeit: Nur was aufgegriffen wird, wird real. Eine Botschaft, die niemand weiterträgt, existiert systemisch nicht.
  3. Der Entwurfs-Blick: Welche Zukunft zeichnet diese Kommunikation? Welche schliesst sie aus? Jede Führungskommunikation ist – ob beabsichtigt oder nicht – ein Entwurf für das, was als möglich gilt.

Woran Sie erkennen, ob Sie gestalten oder gestaltet werden

Der Edelman Trust Barometer 2024 zeigt eine beunruhigende Entwicklung: 51 Prozent der Befragten vertrauen CEOs – nur geringfügig mehr als Journalisten (49 Prozent) und deutlich weniger als Wissenschaftlern (77 Prozent). Edelman Gleichzeitig glauben mehr als 60 Prozent der Befragten, dass Führungspersönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik und Medien absichtlich irreführende Aussagen machen. Ragan

Das sind keine abstrakten Zahlen. Das ist die kommunikative Realität, in der Sie als Führungskraft operieren.

Reflexionsfragen zur Selbstprüfung:

  • Erfahre ich von wichtigen Entwicklungen in meiner Organisation zuerst durch interne Kanäle – oder durch externe Berichterstattung?
  • Werden meine Kernbotschaften von anderen in meiner Organisation konsistent weitergetragen – oder erlebe ich ständig „Stille Post”-Effekte?
  • Wenn ich die letzten drei Krisensituationen meiner Organisation analysiere: War ich in der Position, das Narrativ zu setzen – oder musste ich primär auf die Narrative anderer reagieren?

Die befreiende Nachricht: Diese Macht ist längst da. Sie haben sie schon in der Hand. Ob Sie es wollen oder nicht – alles, was Sie sagen, schreiben, zeigen, entwirft ein Bild. Grün erinnert uns daran, wie mächtig selbst kleinste Zeichen sind.

Kommunikation ist nie nebensächlich. Sie ist die Bühne, auf der Führung sichtbar wird – und die Wirklichkeit, in der andere handeln.

Quellen

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